Lucas Cranach: Das Goldene Zeitalter

 

 

 

(Bild von: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4138092)

 

Kapitel 1: Erster Eindruck und erster logische Schluß

 

Dem ersten Eindruck nach scheint das Bild einen paradisisch-harmonischen Zustand vorzustellen. Doch der erste Eindruck täuscht. Eine Mauer begrenzt das friedlich-fröhliche Treiben. Der Blick hinter die Mauer läßt eine kahle, fahle Landschaft erkennen, in der es Burgen gibt.

 

Handelt es sich bei dem Bild um die Darstellung des Goldenen Zeitalters , so muss logisch die Mauer eine Grenze zwischen Zeitaltern darstellen. Der Unterschied im Raum wird zur Differenz in der Zeit. Damit ist klar, dass es sich außerhalb der Mauer um eine Darstellung des Mittelalters handelt. Die Mauer, ein Artefakt, ist damit eine Grenze in der Zeit. Das Goldene Zeitalter aber befindet sich im Mittelalter oder logisch formuliert: Nur die Mauer ermöglicht das Goldene Zeitalter; sie ist offenbar notwendig um das Goldene Zeitalter zu konstituieren. Das Mittelalter wird abgegrenzt, logisch negativ bestimmt zum Goldenen Zeitalter. Die Mauer, ein Artefakt, ist die Bedingung der Möglichkeit des Goldenen Zeitalters. Radikal ist die Trennung zum wirklichen Zeitalter, soll sich ein Goldenes Zeitalter konstituieren.

 

Kapitel 2: Formbestimmung und erste Konsequenzen

 

Das Bild ist von Lucas Cranach um 1530 gemalt worden, als noch im Mittelalter. Die möglichen Betrachter leben offensichtlich nicht oder noch nicht im Goldenen Zeitalter.

 

Wie ist also der Standpunkt des Betrachters zum Bild zu bestimmen?

 

Offensichtlich erscheint dem Betrachter nach dem ersten Eindruck daher ein Mangel an dem Bild, der Mangel der korrekten Darstellung in der Zentralperspektive. Ob Cranach sie beherrscht oder nicht beherrscht hat, oder ob es überhaupt relevant ist wird im folgendem zu zeigen versucht.

Ein Kunstwerk ist nur dann eines, wenn es für sich steht; d.h. wenn es wesentlich sich an sich oder anders formuliert als unabhängig vom Künstler bzw. seiner damaligen Zeit zeigt. Anderfalls zeigt es sich als abhängig von Psyche oder der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse. (Kunst ist sinnliche Darstellung von Gedanken, genauer der Vernunft)

 

Deshalb ist zunächst die Form weiter zu bestimmen. Es fällt dem Betrachter auf, daß von der Mauer weder Anfang noch Ende gezeigt wird. Weder Anfang noch Ende hat nur der Kreis.Die Bestimmung des Kreises ist damit negativ (formal negativ, also eine Bestimmung des Verstandes des Betrachters).

 

Nun läßt sich dieser Kreis im Bild aufgrund fehlender Zentralperspektive auf drei verschiedene Arten bestimmen. Diese drei verschiedenen Arten der Sichtweise fallen damit nicht in das Bild sondern in den Betrachter.

 

1. Der Betrachter bestimmt den Kreis als einen um sich herum.

 

2. Der Betrachter bestimmt den Kreis gleichsam als Gürtel rund um die Erde, teilt also das Bild in zwei Teile.

 

3. Der Betrachter strengt seinen Verstand an und kann damit den Kreis um das Mittelalter ziehen. Also das Mittelalter wird gleichsam zur Insel.

 

Zu 1. Der Betrachter zieht den Kreis um sich herum

 

Der Betrachter ergänzt das vorhandene Kreissegment der Mauer zu einem vollständigen Kreis und bestimmt daher seinen Standpunkt im Goldenen Zeitalter.

In Relation zum Bild ist der Kreis nur virtuell im Kopf des Betrachters vorhanden und diese virtuelle Bestimmung erlaubt ihm, sich im Goldenen Zeitalter zu empfinden.

 

Bestimmt man nun dieses Verhältnis (Begriff des Kreises und Wahrnehmung) so ist klar, das Goldene Zeitalter ist nur zum Teil wirklich, es bedarf der Vervollständigung des gezeigten Kreissegments zum Kreis. (Ein Kreissegment ist nur vorstellbar als ein Teil eines vollständigen Kreises).

D.h. Es bedarf der Mauer nur solange bis es sich allgemein als wirklich gegen das Mittelalter konstituiert hat. Das Mittelalter bedarf der Burgen, die sich in unzugänglichen Positionen, auf einem Berg oder anders geschützt sich darstellen. Die Gesellschaft des Mittelalter beruht auf Krieg gegeneinander, auf Konkurrenz, auf Landbesitz, auf Abwehr, Waffen.

Auch die Natur wird im Mittelalter daher anders wahrgenommen, die Natur ist die Bedingung der Möglichkeit der Verteidigung. Primär ist sie nicht Nahrungsgrundlage. Francis Bacons "Idola Theatri" aus dem Novum Organum; die Wahrnehmung wird durch die gesellschaftlichen Bedingungen in der die Menschen leben, bestimmt. Deshalb erscheint das Mittelalter als fahl, kalt, abweisend. Dieser Zustand also soll überwunden werden, indem das Goldene Zeitalter sich in jedem Betrachter durchsetzt; wirklich wird. Wenn sich alle möglichen Betrachter im Kreis empfinden, wird die Mauer ueberflüssig.

 

Zu 2. Der Betrachter sieht den Kreis als Gürtel um die Erde

Es wird durch den Betrachter die Erde in zwei Hälften geteilt. Negativ bestimmt, es wird nicht mehr moralisch unterschieden werden zwischen Mittelalter und dem Goldenen Zeitalter, beide sind gleichwertig.

 

Oder allgemein formuliert, die Konkurrenz ist allgemein. Jeder muss sich um seine eigene Reproduktion kümmern. Es ist das bürgerliche Zeitalter. Die Welt wird eingeteilt in Gut und Böse; der Betrachter sieht keinen Grund daran was zu ändern.

 

Zu 3. Der Betrachter formt den Kreis um das Mittelalter.

 

Es bedarf einiger Anstrengung des Verstandes den Kreis als einen zu sehen, der das Mittelalter eingrenzt, die Mauer also das Mittelalter umschließt. Diese Eingrenzung des Mittelalters bestimmt den Betrachter als tendenziell aggresiv, andere eingrenzend bzw. ausschliessend. Eingrenzend und ausschliessend sind gesellschaftlich Gefängnisse. Der Betrachter bestimmt sich selbst als Richter und Vollstrecker.

 

Kapitel 3: Das Goldene Zeitalter

 

Es gibt zwei Fassungen des Goldenen Zeitalters, das hier diskutierte Bild hängt in der Pinakothek zu München, das andere in Oslo. Beide sind um 1530 entstanden. Ich behaupte das in München ist das jüngere der beiden Bilder. Das in Oslo ist das Ältere, es hat einen Fehler, den Lucas Cranach der Ältere wohl sah oder zumindest empfand. Der entscheidende Unterschied ist die Position des Felsens, genauer der Quelle des Baches. Ist sie in Oslo Bild in der Bild Mitte, so ist sie in der Münchener Fassung am Rand. Doch dazu später.

 

Es fällt auf, daß innerhalb der Mauer alles auf einer Ebene dargestellt ist. Ausserhalb der Mauer sind Berge. Innerhalb ist die "Natur" grün, ausserhalb weiss und grau, fahl. Es gibt innerhalb der Mauer Menschen paarweise, Tiere paarweise, Bäume, Obst etc. Es gibt eine Quelle und einen Bachlauf. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, das die "Natur" innerhalb der Mauer keine Natur ist. Der zentrale Baum ist gerade, wohlproportiniert mit Früchten. Es gibt Weintrauben an einem menschengemachten Spalier und mindestens einen Baum mehr mit Früchten. Es gibt ein Löwenpaar, aber auch Ihre Nahrungsgrundlage, ein paar Rehe, ein paar Hasen, ein paar Hirsche, etc. und eine blumige Wiese.

 

D.h. diese Natur ist keine ursprüngliche Natur, sie ist hergestellt, produziert von Menschen.

Vergleicht man nun innerhalb und ausserhalb der Mauer, so ist die Einheit der Menschen gebrochen. Ausserhalb erscheint sie mehr ursprünglich, damit feindlich.

Die Natur ausserhalb ist dem Zweck der Verteidigung subsumiert, innerhalb ist sie kultiviert. D.h. bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse erzeugen ein bestimmtes Verhältnis der Menschen zur Natur und ihrer Wahrnehmung durch die Menschen (Betrachter).

Die Bedingung der Möglichkeit eines Goldenes Zeitalters also ist die Kultur, d.h. die transformierung der Natur. Die Quelle bleibt erhalten, die Natur ist Voraussetzung des Reichtums der Menschen. Als Voraussetzung des Reichtums der Menschen und Ihrer Reproduktion steht sie mit Ihrer Quelle daher nicht mehr im Zentrum des Bildes.

Mit der Kultivierung ist der Mensch, bearbeitet der Mensch die Natur und ist gleichzeitig verpflichtet sie um seiner Selbsterhaltung willen zu erhalten. Er baut die Spaliere des Weins, er ißt das Resultat seiner Arbeit, die Trauben, er nützt die Wasserquelle. Er ist auch die Garantie das Fleischfresser (Löwe) und Vegetarier (Rehe) nebeneinander existieren können und er hat dabei auf die Erhaltung der Arten zu achten. Deshalb sind alle Tiere paarweise dargestellt.

Da jedoch alle Menschen nicht arbeitend gezeigt werden, ist die Arbeit nur Voraussetzung für das Leben im Goldenen Zeitalter. Das Leben selbst besteht aus Körperpflege, Unterhaltung (Diskurs), Tanz und Essen. Alle Frauen tragen Schmuck, sind nahezu weiss dargestellt. Es geht um Schönheit, Genuß und Vergnügen in diesem Goldenen Zeitalter. Geht es bei einer paarweisen Darstellung um die Erhaltung der Art, so sind zunächst mal viele Paare (die Menschen) logisch eine Negation. Bei dem Menschen also geht es um die Erhaltung des Individuums und seine Selbstverwirklichung, Subjektwerdung. (Selbstverwirklichung des Individuums verhält sich logisch negativ zur Erhaltung der Art).

 

Kapitel 4 Schluß

 

Das ist das Thema diese Bildes. Die Subjektwerdung des Menschen braucht die Verwirklichng des Kreises um alle möglichen Betrachter. Das ist eine Revolution. Alle möglichen Betrachter sind aufgefordert die Bedingungen zur Befriedigung menschlicher Beduerfnisse zu schaffen. Es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen den Menschen. Jeder geht seinem individuellen Bedürfnis nach und jeder muss doch die Voraussetzungen schaffen für diese Welt.

Solange also der gesellschaftlich produzierte Reichtum nicht für alle produziert wird, gibt es kein Goldenes Zeitalter. Es gibt kein Geld, keiner muss seine Arbeitskraft verkaufen.

 

Und das heisst wir brauchen eine Revolution, Lohnabhängigkeit reduziert die Menschen auf ihre Reproduktionsfunktionen. Die private Aneignung gesellschaftlich produziertem Überschuss muss abgeschafft werden.